Mittwoch, 30. Mai 2001

WirtschaftsWoche e-business 12/2001: TV-Startups

WirtschaftsWoche e-business 12/2001, S. 64/65, 30.05.2001

TV-Startups

>>> INTERNET-FERNSEHSENDER. Mit kleinen Ruckelbildern ist kein Geld zu verdienen. Die Netzsender satteln um auf B2B.

Ariane Sommer brüllt gegen den Diskolärm an und plappert sich im Interview mal wieder um Kopf und Kragen. Die blonde Berlinerin, die aus ihrem Medienetikett "Szenegirl" eine Profession macht und neuerdings auch Privatpartys gegen Honorar besucht, gehört zum Inventar der Nobeldisko 90 Grad. "Ich bin ein Produkt, das alle haben wollen", schreit sie ins Mikrofon. Doch damit erobert sie nicht den großen Bildschirm, sondern nur ein hanutagroßes Ruckelfensterchen im Berliner Internet-TV "Freshmilk". Auch sonst wird Ariane Sommer ziemlich in die Enge getrieben: Das Reporterteam Prada Meinhoff kennt die Berliner Szene mindestens ebenso gut, sieht dabei aus wie Jenny Elvers und Sandra Maischberger im Doppelpack und ätzt ohne Unterlass gegen die "Bonzensöhne" und die "halbnackten Prämienstuten aus dem 90 Grad". Wenn der Beitrag mal nicht so lustig ist, werden die Lacher eben vom Band eingespielt. Bis zu 80 000 solcher Kurz- Clips würden jeden Monat bei Freshmilk abgerufen, sagt Geschäftsführer Vincent Honrodt.

"Freshmilk hat richtig erkannt, dass man im Internet Charaktere aufbauen muss, welche die Zuschauer immer wieder sehen wollen", sagt Christoph Tophinke, Producer beim Dienstleister TVDeluxe. Mit seinen Kollegen, die von Fernsehsendern wie Vox und Arte oder aus Internet-Firmen wie Oneview kommen, berät Tophinke Markenartikler wie Kraft, die auf ihrer Web-Site bewegte Bilder einsetzen, weil sie damit den Zugang zu jungen Zielgruppen anstreben. Eigentlich war auch TV-Deluxe als Internet- Fernsehen geplant, doch im Moment ist für dieses Business-Modell nur schwer Risikokapital zu bekommen.

200 Minuten vor dem Fernseher

Dass Streaming Video das richtige Format für Information und Unterhaltung ist, schien unter den Startups lange keine Frage zu sein. Dabei nutzen gerade mal 17 Prozent aller Internet-Surfer Streaming - durchschnittlich 18 Minuten pro Monat, ergab eine Studie von Kirch New Media. Zum Vergleich: Etwa 200 Minuten verbringt ein Deutscher pro Tag vor dem Fernseher.

Mittlerweile macht sich Ernüchterung breit, und es zeigt sich, dass mit einem Vollprogramm im Internet kein Geld zu verdienen ist. So musste TV1.de auf der Messe Internetworld öffentlich zugeben, dass sein Konzept gescheitert ist. Geschäftsführer Michael Westphal räumt ein: "Unsere Vision, in Konkurrenz mit großen Portalen wie T-Online treten zu können, hat sich nicht erfüllt".

Rettungsboje Business-to-Business

TV1.de sucht sein Heil jetzt im Business-to-Business-Geschäft (B2B). "Da wir die nötigen Nutzerzahlen nicht aufbringen können, werden wir künftig die Inhalte liefern", hofft Westphal. Doch auch dieser Weg wird steinig, denn die meisten Geschäftskunden wissen mit dem neuen Medium noch gar nichts anzufangen. "Bislang sind die Firmen einfach nur froh, wenn überhaupt Videos über ihre Web-Site laufen", so Westphal. Sie erteilten meist Aufträge, die technisch schon vor zwei Jahren möglich gewesen wären.

Auch Webfreetv hat vor dem schwachen Markt kapituliert und musste seine "neue Form der Mediendemokratie" auf Eis legen. Noch im vergangenen Sommer konnten Hobbyfilmemacher sich in dem noblen Laden Flagship am Potsdamer Platz kreativ austoben. Webfreetv stellte ihnen kostenlos einen Kameramann und einen Cutter zur Seite, um durch die Privatfilme an günstige Inhalte heranzukommen. Heute arbeitet Webfreetv nur noch im Kundenauftrag als Produktionsfirma. Vor zwei Wochen übertrug das Unternehmen live die erste "Internetnight" der CDU aus dem Konrad- Adenauer-Haus - gegen Cash.

"Diese Dot-Coms wissen doch nur, wie man Geld verbrennt", sagt Gunther Müller, Vorstand des Nürnberger Unternehmens Netvision. Seine Firma hat sich im B2B-Markt schon etabliert, in denen die gescheiterten Fernsehsender eindringen wollen. Mit seinen 25 Mitarbeitern hat Netvision bereits über 350 Live-Veranstaltungen ins Internet oder in Firmen-Intranets gestreamt. Das Unternehmen zähle, sagt Müller, mehr als 80 Prozent der Dax-Unternehmen zu seinen regelmäßigen Kunden. Nur zwei Jahre nach seiner Gründung im Jahr 1997 erreichte Netvision den Breakeven und übertrug unter anderem die Pressekonferenz zur Fusion von Allianz und Dresdner Bank.

Im B2C-Bereich können derzeit wohl nur Sexanbieter Geld verdienen: 3,63 Mark kosten die Live-Streams pro Minute, welche die Berliner Firma Venus 3000 anbietet. Zehntausend Minuten werden pro Tag verkauft. 200 Frauen sind in 13 Live-Studios Tag und Nacht in Vierstundenschichten beim Striptease im Einsatz. Bei der Vermarktung setzt der Content-Syndicator auf Wiederverkäufer: Bereits über tausend Web- Master sollen die Streams in ihre eigenen Angebote eingebunden haben, so dass sie auf Tausenden Web-Sites gleichzeitig laufen. Die Wiederverkäufer müssen lediglich für genügend Traffic sorgen, indem sie sich um Suchmaschineneinträge kümmern oder Anzeigen schalten. Für alles, was hinter der Web-Site läuft, sorgt Venus 3000 und behält dafür die Hälfte das Umsatzes. Dafür liefert die Firma dem Nutzer ein "ruckelfreies Großbild", das viermal so groß ist wie beim normalen Internet-TV. Auch Interaktivität ist möglich: Die Zuschauer können die Kamera bewegen und mit den Damen chatten.

Der Berliner Sender Freshmilk ist mittlerweile eine der letzten Firmen in Deutschland, die ein regelmäßiges kostenloses Fernsehprogramm im Internet anbieten. Weil auch Freshmilk damit keine Gewinne macht, finanziert es das Programm ebenfalls über B2B. Allerdings anders als die Konkurrenz: Freshmilk hat den Sprung ins Fernsehen geschafft und bekommt eine eigene Sendung im Berliner Kabelsender XXP.

Markus Göbel m.goebel@vhb.de



Tipps für erfolgreiches Web-TV

>> Nur mit Internet-Fernsehen Geld zu verdienen, ist schwer. Wer es schafft, auch für herkömmliches TV zu produzieren, ist besser positioniert.

>> Internet-TV für den Endkunden bringt kaum Profit. Auf dem Markt für Geschäftskunden bieten sich allerdings zahlreiche Möglichkeiten für Web-TV: Pressekonferenzen, Intranet- Specials für Großkonzerne, Werbespots.

>> Auch im Web-TV gilt: Nur gute Storys und vertraute Charaktere bringen Zuschauer.

>> Auf ausreichende Serverkapazität und möglichst breitbandige Anbindung für hohe Nutzerzahlen muss geachtet werden.

>> Weil das Bild so klein ist, sollten Online- Filme möglichst viele Nahaufnahmen enthalten. Besonders Personen sind ansonsten kaum zu erkennen.

>> Kein Online-Film sollte länger als fünf Minuten sein.

>> Web-TV muss schneller auf den Punkt kommen als normales Fernsehen.



>>> Links

Party-TV aus Berlin
> www.freshmilk.de

Live-Übertragungen und Image-Videos
> www.webfreetv.de

Zulieferer für Musik, Kino und Nachrichten
> www.tv1.de

Web-Filmproduktion und Consulting
> www.tvdeluxe.de

Übertragung von Hauptversammlungen und Pressekonferenzen
> www.netvision.de

Stream-Anbieter für Sex-Web-Sites
> www.venus3000.de

Dienstag, 29. Mai 2001

WirtschaftsWoche e-business 12/2001: Googles Kopf

WirtschaftsWoche e-business 12/2001, S. 28/29, 29.05.2001

Googles Kopf

>>> MONIKA HENZINGER, Googles Chefentwicklerin aus der Oberpfalz, ist einer der Gründe dafür, dass die Suchmaschine weltweit beliebt ist.

Als Kind wollte Monika Henzinger Astronautin werden. "Doch als die Challenger explodierte, änderte ich meine Meinung", sagt sie. Eine gute Entscheidung. Heute ist Henzinger der wichtigste Kopf der größten Suchmaschine der Welt: Google. Das einflussreiche Branchenblatt "The Industry Standard" hat die 35-Jährige gerade in die Liste der 21 einflussreichsten Persönlichkeiten der Internet- Wirtschaft aufgenommen.

Henzingers guter Ruf ist hart erarbeitet. Der Weg von Weiden in der Oberpfalz ins Silicon Valley war weit. "Die USA ist das Größte für Informatiker", sagt Henzinger in breitem Bayerisch und freut sich, dass sie bei Google ei- ne Herausforderung fand. Denn eigentlich wollte sie in Saarbrücken bleiben, wohin sie schon mit 33 als Professorin berufen worden war.

Bereits während ihres Informatikstudiums in Erlangen und Saarbrücken gehörte Monika Henzinger zu den Hochbegabten, die von der Studienstiftung des Deutschen Volkes gefördert und finanziert werden. Weil alle Freunde aus der Stiftung mindestens ein Jahr in den USA verbrachten, war ihr schnell klar, dass sie in Princeton promovieren wollte - einer der besten Universitäten der USA.

Henzingers Doktorarbeit mit dem Titel "Voll dynamische Graphikalgorithmen und ihre Datenstruktur" wurde mit Stipendien von Princeton und von Siemens gefördert. "Es gehen immer die Besten in de USA, und die ziehen andere Gute nach sich", sagt Monika Henzinger und erklärt ganz nebenbei, warum die Amerikaner in Sachen Internet so weit vorn liegen. Auch ihr Forscherteam bei Google ist international. Die zehn Doktoren kommen aus Indien, Neuseeland, Argentinien und Deutschland. Lediglich drei Amerikaner operieren am Hirn der legendär gründlichen Suchmaschine.

Neue Technik gegen den Stillstand

Der Newcomer Google zeigte es allen. Seit seinem Start vor drei Jahren baute Google den größten Suchindex der Welt auf. Die Suchmaschine deckt 1,3 Milliarden Web-Seiten ab, was ungefähr der Hälfte aller Seiten weltweit entspricht und mehr als doppelt so viel ist wie bei der zweitgrößten Suchmaschine Fast Search, die sich früher Alltheweb nannte. Mit seiner neuen Technik durchbrach Google einen Trend, der sich Ende der neunziger Jahre immer mehr verstärkte: Angesichts des rasanten Internet- Wachstums kamen die Suchmaschinen mit dem Indexieren nicht mehr nach, und die Suchergebnisse wurden immer schlechter. Die Wissenschaftszeitung "Nature" stellte 1998 fest, dass keine Suchmaschine mehr als 16 Prozent des Webs abdeckte. Nur eine der vier größten Suchmaschinen konnte sich selbst unter den ersten zehn Suchergebnissen finden. Im selben Jahr kam Google.

Googles wichtigster Trick: Es ordnet Web-Seiten nach Wichtigkeit. Die Seite, auf welche die meisten Links zeigen, steht bei den Suchergebnissen oben. Das Vorgehen ähnelt dem, mit dem man den Ruf eines Wissenschaftlers ermittelt: Je häufiger seine Artikel zitiert werden, umso höher sein Ansehen. Außerdem wertet Google auch alle Links aus, die eine Web-Site enthält, und muss deswegen Millionen von Web-Seiten gar nicht besuchen, um sie zu indizieren. Stattdessen nimmt Google einfach die Beschreibung aus dem Link in seinen Index auf.

So konnte der Newcomer nur zwei Jahre nach seiner Gründung im Winter 2000 an den etablierten Konkurrenten Altavista und Inktomi vorbeiziehen und wurde die größte Suchmaschine der Welt. Der endgültige Ritterschlag folgte Ende Juni 2000, als auch das weltgrößte Portal Yahoo seine Suchmaschine von der Inktomi-Technik auf Google umstellte. Am selben Tag brach Inktomis Aktienkurs um 18 Prozent ein. Jetzt soll Inktomi gerade versuchen, den jungen Konkurrenten zu übernehmen, um die Marktführerschaft zurück zu erobern.

Außen Yahoo - innen Google

Denn egal, ob man heute die Suchfunktion auf den Web-Seiten von Yahoo, Netscape oder Vodafones Mobilportal Vizzavi nutzt, am Ende landet jede Suchanfrage auf den Computern der Firma Google, die sich diese Dienste gut bezahlen lässt. Insgesamt steckt Google hinter 120 prominenten Web- Sites weltweit. Auch hinter dem neuen Lieblingskind aller Profi-Web-Sucher, der vor wenigen Wochen gestarteten Suchmaschine Ilor, steckt Google - lediglich um ein paar hilfreiche Gimmicks erweitert.

Alle Suchanfragen von Google und den Partnerseiten laufen in einem riesigen Hardwarepark zusammen. Denn anstatt die Suchmaschine wie üblich auf Großrechnern laufen zu lassen, sind bei Google 8 000 handelsübliche PCs zusammengeschaltet, die in in vier Rechenzentren an der Ostküste und der Westküste der USA stehen. Sie laufen unter dem Betriebssystem Linux. Die Google-Mitarbeiter schrauben die Computer in Racks zusammen, und wenn die Suchmaschine mehr Rechen- Power braucht, werden noch ein paar hundert Computer dazugestellt. So kann Google inzwischen 70 Millionen Suchabfragen pro Tag verarbeiten.

Google auf allen Geräten

"Je größer Google wird, desto schwerer wird es auch für uns, sinnvolle Suchergebnisse zu liefern", sagt Monika Henzinger. Deshalb entwickelt sie ständig neue Algorithmen, welche die Suche verfeinern. Google läuft mittlerweile auch auf mobilen Internet-Geräten und sogar per Spracherkennung auf Mobiltelefonen. Der neueste Durchbruch ist die Übersetzungsfunktion, welche seit zwei Wochen auf der deutschen Site von Google läuft. Jedes Suchergebnis wird direkt beim Anklicken übersetzt. Wer früher bei Google suchte und dann die Seiten beim Altavista-Dolmetscherdienst Babelfish übersetzen ließ, kann sich jetzt einige Klicks sparen. Allerdings sind beide Übersetzungen bisher noch ziemlich schlecht.

Henzingers nächstes Projekt: Google soll jedem Anwender die richtige Antwort in seiner Landessprache liefern - egal, in welcher Sprache er seine Anfrage eingibt und egal, in welcher Sprache die Web-Seite mit der Antwort geschrieben ist. "Google soll immer besser verstehen, wonach die Leute fragen", sagt Henzinger. Dazu braucht es höhere Mathematik, künstliche Intelligenz und riesige Wortlisten. Denn egal, ob der Nutzer "Car" oder "Automobile" eingibt, das Suchergebnis soll immer dasselbe sein.

"Unsere Hauptaufgabe ist, dass die Leute Informationen im Web finden", sagte Googles President Sergey Brin dem Industry Standard. Er wandte sich damit gegen Spekulationen, dass er Google zu einem Portal ausbauen und so von der Hauptkompetenz der Suchmaschine abweichen wolle.

Surft man zufällig auf die Google-Web-Site, entsteht leicht der Eindruck, man habe sich auf den Suchdienst irgendeiner Universität verirrt. Bis auf das Eingabefeld und das Google- Logo ist kaum etwas zu sehen. Keine Kataloge, keine News, keine Werbebanner - kein Portal.

Google ist gewarnt durch das abschreckende Beispiel der Suchmaschine Altavista, die 1999 vor dem geplanten Börsengang 100 Millionen Dollar für den Ausbau zu einem zweiten Yahoo verbrannte und schließlich doch alle Portal- und Börsenpläne begraben musste. "Es gibt auch keine Anzeichen, dass sie jetzt plötzlich anfangen, Dummheiten zu machen", sagt der Analyst Danny Sullivan, Leiter des Branchendienstes Search Engine Watch.

Google mag zwar konservativ in seinen Marktzielen sein - aber nicht in seinen Leistungen für die Mitarbeiter. Das Fitnesszentrum im Haus, Massagen und kostenlose Gourmet-Küche - Annehmlichkeiten, die in der Internet- Branche wieder seltener werden. Henzinger lässt das meiste davon links liegen, denn am wichtigsten ist ihr die Familie. Sie geht sehr früh zur Arbeit und schon gegen fünf Uhr wieder nach Hause, um ihre drei Jahre alte Tochter Alexandra aus der Kinderkrippe zu holen. Mit ihrem Mann, einem Informatikprofessor der Universität von Berkeley, erwartet sie in fünf Wochen ihre zweite Tochter. Trotzdem arbeitet Henzinger täglich zehn Stunden.

Nach der Geburt erwarten sie sechs kurze Wochen Mutterschutz und ein dreiwöchiger Urlaub. Dann stürzt sie sich wieder in die Arbeit - halbtags vorerst, nach sechs Monaten wieder voll. Das sei nur möglich, weil ihr Mann ab Herbst ein Forschungsjahr einlege, sagt Henzinger. Ohne Vorlesungen hat Professor Thomas Henzinger mehr Zeit für die Kinder. Dass Monika Henzinger so schnell wieder die beruflichen über die mütterlichen Pflichten stellt, findet sie nicht ungewöhnlich: "Es ist in den USA normal, dass die Frauen so früh wieder anfangen", sagt sie. Allerdings erwartet Google auch ihre schnelle Rückkehr. Sie möchte ihre Freunde nicht enttäuschen:

Sergey Brin und Larry Page, die seit 1995 als Studenten der Stanford University die Google-Technik entwickelten und heute ein Unternehmen mit 200 Angestellten leiten, das sie dieses Jahr in die schwarzen Zahlen bringen wollen. Die Stanford University ist heute als Risikokapitalgeber an Google beteiligt. Henzinger hat ihren Chefs, die für Google ihre Doktorarbeiten abbrachen, vieles voraus: nicht nur acht Jahre mehr Lebenserfahrung, sondern auch mehr Berufserfahrung und sieben Patente.

Als Sergey und Larry noch für ihre Klausuren paukten, arbeitete Monika Henzinger im Forschungszentrum von Digital Systems in Palo Alto, wo sie die grafische Darstellung des Webs erforschte. Einmal pro Woche ging sie zu einem Informatikertreffen in der Stanford University, wo sie auch Sergey und Larry traf, die sich ebenfalls mit der Kartierung des Webs beschäftigten. Von der Kartierung war es ein logischer Schritt zur Suchmaschine. Nach vier Jahren bei Digital Systems und der Nachfolgerfirma Compaq folgte Henzinger einem Ruf als Professorin an ihre alte Universität Saarbrücken. Doch sie blieb nur kurz, weil Larry und Sergey sie nahezu täglich mit Anrufen bombardierten.

Nach einem halben Jahr hatten die beiden Henzinger überzeugt, ihre Professur aufzugeben und als Forschungsleiterin bei Google anzufangen. Henzinger liebt die Atmosphäre im Gewerbegebiet von Mountain View, Kalifornien: Lavalampen am Eingang, orthopädische Gummibälle auf dem Flur und ihre Chefs Larry und Sergey, die den Durchgang mit Tretrollern, Fahrrädern und elektronischen Spielzeugen blockieren. Nur Bayern vermisse sie oft, sagt Henzinger, ihre Eltern in Weiden und den Bruder, der Zahnarzt ist. Deshalb ruft sie mindestens einmal pro Woche zu Hause an. In die alte Heimat zurückkehren will sie allerdings nicht. Dazu hat sie in Amerika viel zu viele Pläne. Eines Tages will sie mit Google an die Börse gehen, was nicht zuletzt an ihren Aktienoptionen liegen dürfte.

Markus Göbel m.goebel@vhb.de

Profil
NAME: Monika Henzinger
FIRMA: Google
POSITION: Leiterin der Forschungsabteilung
GEBURTSJAHR: 1966
GEBURTSORT: Weiden
STUDIUM: Erlangen, Saarbrücken
und Princeton
STATIONEN: Informatikprofessur an der Cornell University, Forschungszentrum von Digital Systems/Compaq, Professur in Saarbrücken.

Google
UMSATZ 2000: keine Angaben
GEWINN: keine Angaben
CHEF: Lawrence Page
MITARBEITERZAHL: 200
GESCHÄFTSFELD: Suchmaschinen
KONKURRENTEN: Altavista, Inktomi
GRÜNDUNGSJAHR: 1998
INVESTOREN: Kleiner Perkins Caufield & Byers , Sequoia Capital, Stanford University, Andreas von Bechtolsheim (Sun, Cisco)
STANDORT: Mountain View, Kalifornien
HOMEPAGE: www.google.com

Freitag, 4. Mai 2001

WirtschaftsWoche e-business 10/2001: Der letzte Tanz.de

WirtschaftsWoche e-business 10/2001, S. 106/107, 04.05.2001

Der letzte Tanz.de

>>> PINK-SLIP-PARTY. Sie war als Fest und Kontaktbörse für die Gefeuerten der New Economy gedacht. Doch statt neuer Jobs gab es für die wenigen Gäste nur billiges Bier.

Als um ein Uhr noch immer keiner das Tanzbein schwang, nahm sich Organisator Frank Lichtenberg ein Herz: Er stürmte das Parkett und tanzte wild zu dem James-Brown- Klassiker "Sexmachine". Doch außer zwei gemieteten Go-go- Girls konnte der Chef der Startup-Firma Snacker.de keinen Gast auf der Pink- Slip-Party zur Nachahmung animieren. Auch der Blick durch Lichtenbergs rosa Sonnenbrille, die er passend zum Motto des Abends trug, konnte nichts beschönigen: Die Party für die Entlassenen der Berliner Startups war ein Flop. Kaum jemand hat den Weg in die Reinbeckhallen im Berliner Stadtteil Treptow gefunden. Die meisten blieben im Zentrum, wo sie in der Nacht zum 1. Mai rauschende Straßenfeste feierten.

"Ich bin enttäuscht", gibt Veranstalter Lichtenberg zu. Auch finanziell war die Party ein Flop. Mit 25 000 Euro hat Lichtenberg den Abend vorfinanziert und kaum Sponsoren gefunden. Dabei hatten sich 640 Besucher auf der Party- Web-Site angemeldet. Gekommen sind dann aber nur ein paar Dutzend, wie etwa die Web-Designer und Programmierer Helge, Sebastian und Holger. Ihre Nachnamen verschweigen die drei, weil die Insolvenz ihres Startups noch nicht offiziell ist. Sie sind nur die Vorhut von 90 Leuten, die bald entlassen werden.

Wenigstens eines hatte die deutsche Party mit ihrem Vorbild in den USA gemeinsam: Es kamen genauso viele Journalisten wie Entlassene. So kam trotz des Dumping-Bierpreises von drei Mark inmitten der Kameralichter nur wenig Stimmung auf. Doch Lichtenberg will weitermachen. Nur soll die nächste Party in Frankfurt bescheidener werden.

Vielleicht ist der Veranstalter dann bereits selbst auf Jobsuche. Lichtenbergs Firma Snacker hat ihre halbe Million Euro Risikokapital bereits zu 80 Prozent verbraucht. 20 000 Euro verbrennt das Startup jeden Monat. Die Folge: Jeder zweite Angestellte musste bereits entlassen werden. Wenn Lichtenberg nicht bald eine neue Geldspritze bekommt, muss seine Firma schließen. Altinvestor IVC Venture Capital soll schon abgewunken haben.

Markus Göbel m.goebel@vhb.de




Die Party der Gefeuerten

Pink-Slip-Partys werden in den USA seit Juli regelmäßig gefeiert. In San José im Silicon Valley treffen sich alle zwei Wochen zweitausend Leute der New Economy, um ihren Rausschmiss zu begießen und ganz nebenbei mit Headhunternund Firmenchefsüber ihren nächsten Job zu plaudern. Benannt sind die Partys nach den rosafarbenen Entlassungspapieren, genannt "Pink Slips", die früher Arbeiter bei Ford in ihrer Lohntüte vorfanden, wenn sie gefeuert waren. Frank Lichtenberg will alle zwei Wocheneine Pink-Slip-Party in den vier wichtigsten New-Economy-Zentren Deutschlands, Berlin, Frankfurt, München und Hamburg, feiern. Die Termine: 17. Mai: Frankfurt (Palast der Republik), 31. Mai: München (Nachtwerk), 14. Juni: Hamburg (ACD), 28. Juni: Berlin (Reinbeckhallen), 12. Juli: Frankfurt (Palast der Republik), 26. Juli: München (Nachtwerk) und 9. August: Hamburg (ACD).




Bildunterschriften:

Frank Lichtenberg:Der Veranstalter tanzt zum Rhythmus von James Brown. Weil keiner auf die Tanzfläche wollte, mussten die Go-go-Girls einspringen.

Einchecken zur Pink-Slip-Party:Christina Buck, 35, wurde im Januar von Tadoro.de entlassen. Sie war die Marketingchefin eines Startups, das mit leicht verständlichen Anleitungen für komplizierte elektronische Geräte Geld verdienen wollte.

Auf der Jagd nach Angestellten:Christian-Cornelius Weiss, 25, Mitgründer von Project49, braucht 19 Angestellte für sein Berliner Startup. Die Suche ist schwierig, weil er noch nicht verraten will, womit die Firma sich beschäftigt. Auf jeden Fall hat es etwas mit den beiden Signalworten "Wireless" und "Enabling" zu tun. Das Geheimnis soll Ende Juni gelüftet werden. Gesucht sind vor allem Programmierer für Java und C++.

Frustration auf dem T-Shirt:Christian Cartus, 31, arbeitete als so genannter Director Innovation Center beim Inkubator Atrior, der seit 1. April nur noch auf dem Papier existiert. Der Informatiker bekommt pro Woche drei Jobangebote.

Pink slipped mit 49 Jahren:Die studierte Philosophin Ursula Theissen war Customer Care Manager bei Tool42.com und nahm am Telefon Nutzerbeschwerden entgegen. Nach nur einem Jahr war für sie Schluss bei der Firma. Das Startup hatte eine neuartige Technik entwickelt, die Bewegungen von Web-Site-Besuchern verfolgen kann. Die Mutterfirma Icon Media Lab verleibte sich die Firma ein und übernahm nur die Techniker.

Programmierer Alexander Wiederhold:Für den 34-Jährigen ist die Pink-Slip-Party "der Flop des Jahrtausends. Wenn ich aus zu Hause dem Fenster schaue, sehe ich mehr IT-Experten als hier." Weil er sich verschaukelt fühlte, verließ er im Dezember den Web-Hoster Ision und gründete seine eigene Firma. Ision hatte ihn als Projektleiter extra von Nürnberg nach Berlin geholt. Leider gab es in der Hauptstadt keine Projekte für ihn.

Entlassen vom Studentenportal Allmaxx:Martin Flamm, 31, und Susanne Rumpe, 31, waren am 1. März dabei, als 14 Leute gehen mussten. Flamm war Leiter der Unternehmenskommunikation und zum Zeitpunkt der Kündigung krank geschrieben. Rumpe war Vertriebsleiterin für Süddeutschland und noch in der Probezeit. Sie erfuhr von ihrer Entlassung zufällig in einem Gespräch und musste nach der anschließenden Betriebsversammlung gehen.

Die Vorhut eines vielköpfigen Entwicklerteams (v.l.n.r.):Helge, 36, Holger, 35, und Sebastian, 29, dürfen noch nicht enthüllen, welches Startup sie bald entlassen wird. "Wenn nicht nächste Woche ein Käufer gefunden wird, müssen wir Insolvenz anmelden", soll der Geschäftsführer gesagt haben. Web-Designer Helge sieht die gefloppte Party mit Humor: "Umsonst feiern macht Spaß!" Quereinsteiger Sebastian plagen hingegen Sorgen um seine Zukunft.

Donnerstag, 3. Mai 2001

WirtschaftsWoche e-business 10/2001: Käufer-Check

WirtschaftsWoche e-business 10/2001, S. 61, 03.05.2001

Käufer-Check

>>> Bonitätsprüfung. Onlinehändler sammeln sensible Daten. Die Firmen wollen wissen, ob ihre Kunden zahlen können.

Kilian Lenard ist sauer. Der Otto Versand hat dem Anwalt und Chef des Web-Beratungsunternehmens Cyber-Submarine die Geburtstagsüberraschung für seinen Onkel vermurkst. Mit der Gummibadeinsel Aloha für 79,95 Mark wollte der ehemalige Geschäftsführer des Startup-Verbands E-Nef seinen Onkel Ralf zum Sechzigsten erfreuen. Nur eine Minute nach der Bestellung bekam Neffe Kilian, 32, eine E-Mail, die ihm Lieferung binnen 24 Stunden verhieß - vier Tage vor dem Geburtstag.

24 Stunden verstrichen - keine Badeinsel. Nach einer Woche bekam Lenard einen Brief: "Auf Grund unserer Kreditbestimmungen ist eine Belieferung an Sie nicht möglich. Bitte wenden Sie sich schriftlich an unsere Abteilung Neukunden." Die Hürde, an der Lenard bei seinem ersten Versuch auf Otto.de gescheitert war, heißt Bonitätsprüfung. "Wir sammeln seit Jahrzehnten Daten über die Zahlungsmoral unserer Kunden", erklärt Otto-Sprecher Uwe Wolter. Jede Bestellung wird geprüft, egal, ob sie per Web, Telefon oder Post eingeht. Auch Quelle und Neckermann horten Millionen von Nutzerdaten. Neukunden dürfen m eist nicht auf Rechnung kaufen, sondern nur gegen Vorkasse oder Nachnahme. Bezahlung per Kreditkarte lassen die Versandhäuser meist sowieso nicht zu. Allen gemeinsam ist: Sie sprechen nicht gern über dieses Thema.

Schwarze Listen

Junge Onlineversender sehen die Überprüfung lockerer. "Amazon.de führt keine Bonitätsprüfungen bei Bestellungen durch", sagt Ralf Kleber, Finance Director beim Onlinebuchversand Amazon. Meist fehlen den Online-Shops Daten, aus denen sie auf das Zahlverhalten ihrer Nutzer schließen können. Dabei ist die Überprüfung in Sekundenschnelle möglich: Externe Dienstleister wie Creditreform Experian, Infoscore oder Schufa bieten Onlineabfragen für eine bis fünf Mark an. Nachdem ein Kunde im Web-Shop seine Daten eingegeben hat, wird im Hintergrund das Zahlungsrisiko abgefragt und die passende Bezahlmethode vorgeschlagen.

Das Risiko berechnet die Prüfungssoftware aus Daten von Amtsgerichten oder aus schwarzen Listen der Online- Shops. Jeder angeschlossene Shop meldet seine Problemkunden. Nutzern muss von all dem nichts mitgeteilt werden. Das Datenschutzgesetz gesteht den Web-Shops ein "berechtigtes Interesse" zu, weil sie bei Bezahlung auf Rechnung in Vorkasse gehen. Weiß ein Onlinehändler noch nichts über einen neuen Kunden, greift oft das so genannte Geo - scoring: Deutschland ist in imaginäre Waben mit durchschnittlich sieben Haushalten eingeteilt. Jeder Wabe ist ein Zahlungsrisiko zugeordnet. Wer in der falschen Nachbarschaft wohnt, muss im Zweifel per Vorkasse zahlen.

Manchmal fallen dabei die Falschen durchs Raster. Kilian Lenard verdient zwar im sechsstelligen Bereich, doch eine Badeinsel für knapp 80 Mark durfte er nicht kaufen.

Markus Göbel m.goebel@vhb.de



Bonitätsprüfer online

>> Schufa sammelt seit 1927 Bonitätsdaten und hat Informationen über 56 Millionen Personen gespeichert. Bekommt jede Kontoeröffnung in Deutschland, jeden Kredit und jeden Handy-Vertrag gemeldet.

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